Zur Narrativität, Geschichte und Ethik eines unbekannten Genres medizinischer Kommunikation
Trotz seiner Allgegenwart hat der Arztbrief (klinischer Austrittsbericht) als eigenständiges Genre bislang keine nachhaltige wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren. Dabei handelt es sich um ein zentrales medizinisches Dokument, das ÄrztInnen im Verlauf ihrer Laufbahn unzählige Male lesen, verfassen und auf das sie sich verlassen: Für jede aus dem Spital entlassene Person entsteht ein Bericht, der den komplexen klinischen Verlauf – Diagnosen, Interventionen, Komplikationen und Empfehlungen – zu einer verdichteten Form komprimiert. Der Arztbrief wird ebenso sehr durch institutionelle Konventionen und medizinrechtliche Aspekte wie durch die Logiken des klinischen Denkens geprägt. Er zirkuliert zwischen Spitälern, niedergelassenen ÄrztInnen, Versicherungen und PatientInnen und prägt damit, wie Krankheit über die Mauern des Spitals hinaus verstanden, kommuniziert und behandelt wird. Dieses Projekt untersucht die Narrativität, Geschichte und Ethik dieses standardisierten, epistemischen Genres, das die schriftliche medizinische Kommunikation weltweit strukturiert. Da die Entstehung und Entwicklung des Arztbriefes bislang ein Desiderat der Forschung darstellt, unternimmt dieses Projekt erstmals den Versuch, einen ersten Forschungsstand auf diesem Gebiet zu etablieren.

–– Von der Narration zur Norm ––
Unsere Quellen sowohl aus schweizerischen als auch deutschen Staats- und Spitalarchiven deuten darauf hin, dass sich das Genre im Verlauf des 20. Jahrhunderts allmählich herausbildete: In der ersten Hälfte des Jahrhunderts, als Briefe von Ärzt:innenen an Kolleg:innen nur vereinzelt in den Krankenakten auftauchen, werden Krankheiten in einer eher subjektiven, narrativen, ja geradezu literarischen Weise geschildert. Ab der Jahrhundertmitte erscheint der Arztbrief zunehmend formalisiert und etabliert sich als notwendiger Bestandteil der Patientenakte.
Diese historische Entwicklung scheint die Entwicklung der klinischen Medizin hin zu Pluralismus und Spezialisierung sowie eine rasante technologische Entwicklung widerzuspiegeln. Nicht zuletzt wirft sie ethische Fragen zu den Erfahrungen von Patient:innen im Spital sowie zur medizinischen Kommunikation im Allgemeinen auf.

–– Drei Ziele, ein Projekt ––
Kulturgeschichte & Literaturwissenschaft Wie Ärzt:innen im Genre des Arztbriefs auf narrative Weise argumentieren und Schlussfolgern
Medizingeschichte Wie sich der Arztbrief historisch im Zusammenhang mit dem wandelnden Selbstverständnis des Spitals im Verlauf des 20. Jahrhunderts, im Verhältnis zur Patientenakte sowie zu den institutionellen Strukturen der Krankenversicherung entwickelt hat
Medizinethik Wie der Arztbrief grundlegende Konflikte bezüglich Paternalismus, Technologie und den Prinzipien der medizinischen Ethik aus historischer wie systematischer Perspektive verhandelt

Project Duration 8/2025 – 7/2029
News
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Agnes @ the ICCEC 2026
Agnes Kandlbinder presented parts of her research on hospital discharge letters at this year’s International Conference on Clinical Ethics Consultation (ICCEC) in Cleveland. Based on a document analysis of historical letters, the presentation prompted a joint reflection on the historical lineage of medical documentation, and on what practices, formats, and approaches could best serve patients…
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Sophie @ UNIL Day 2026
Sophie Püchel, the project’s PhD researcher in the ethical branch of the project, presented her recent work on a scoping review on “Artificial Intelligence in Clinical Documentation“ at Université de Lausanne at the AI@UNIL Day 2026. Emerging evidence points to AI having the potential of saving time and increasing efficiency in everyday clinical administrative tasks––but…
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Agnes and Sophie @ the Societé Suisse d’éthique biomedicale
Agnes Kandlbinder and Sophie Püchel, together with colleagues from the Institut des humanités en médecine UNIL-CHUV, took part in the winter seminar of the Société Suisse d’éthique biomédicale, held in January 2026, in the beautiful setting of Bigorio, Ticino. This year’s seminar focused on the topic of health equity in Switzerland. Agnes and Sophie presented initial…
