Narrativität, Geschichte und Ethik des Arztbriefes / Entlassungsbericht
Das Projekt erforscht Narrativität, Geschichte und Ethik des Arztbriefs bzw. klinischen Entlassungsberichts – eines standardisierten, epistemischen Genres, das weltweit die gesamte medizinische Schriftkommunikation organisiert. Es wird täglich tausendfach von ÄrztInnen geschrieben und gelesen, da jede(r) PatientIn nach einem Krankenhausaufenthalt ein solches Dokument erhält, das die weiterbehandelnden ÄrztInnen über den Krankheitsverlauf informiert. Das Projekt verfolgt drei zentrale, miteinander verknüpfte Erkenntnisziele; wir untersuchen
- wie ÄrztInnen im Genre des Arztbriefes / Entlassungsberichtes auf narrative Weise argumentieren und schlussfolgern (Literaturwissenschaft)
- wie sich der Arztbrief / Entlassungsbericht geschichtlich entwickelt hat, und zwar sowohl mit Blick auf sein Trägermedium ‚Patientenakte‘ als auch mit Blick auf medizinische Körperkonzepte; wie er ferner die Institutionalisierung und Standardisierung der Medizin im 20. Jh mitprägt (Medizingeschichte)
- wie der Arztbrief / Entlassungsbericht in historischer und systematischer Perspektive fundamentale Konflikte bezüglich Paternalismus, Technologie und den klassischen medizinethischen Prinzipien verhandelt, v.a. Würde und Autonomie (Medizinethik)
Unter dem Gesichtspunkt, dass der Arztbrief bisher nicht kulturwissenschaftlich erforscht wurde, erschliesst das Projekt erstmalig und umfassend diesen neuen Forschungsgegenstand. Unsere Archivquellen, ca. 200 deutschsprachige Arztbriefe/Entlassungsberichte und ca. 160 gescannte Patientenakten zeigen, dass sich das Genre schrittweise im 20. Jh. entwickelt: In der ersten Jahrhunderthälfte tauchen informelle Briefe von Ärzten an Kollegen bereits sporadisch in Patientenakten auf; in diesen Texten werden Krankheiten tendenziell subjektiv dargestellt, unter Verwendung narrativer und anderer literarischer Techniken. Nach 1950 wird aus diesen ‚Briefen unter Ärzten‘ der hoch formalisierte Dokumententypus ‚Arztbrief‘, der zwingend in jeder Patientenakte enthalten ist und dessen Gestalt zentrale Entwicklungen in der klinischen Medizin reflektiert: Pluralisierung, Spezialisierung und natürlich die rapide fortschreitende Technisierung. Vor diesem Hintergrund wirft der Arztbrief auch wichtige ethische Fragen auf – über Patientenerfahrungen in klinischen Kontexten und über Medizinkommunikation im Allgemeinen.
News
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Das Projekt startet!
Was für ein großartiger Start für unser interdisziplinäres Projekt „Der ‚Entlassungsbrief‘ aus kulturwissenschaftlicher Perspektive: Über Narrativität, Geschichte und Ethik eines unbekannten Genres der medizinischen Kommunikation“, das vom Schweizerischen Nationalfonds SNF gefördert wird. Am 16. Dezember versammelte sich das gesamte Team an der Université de Fribourg/Universität Freiburg zu unserem Kickoff-Meeting. In den nächsten vier Jahren werden…

